Nichts ist mehr, wie es einmal war an den Finanzmärkten dieser Welt. Das am Wochenende ins Leben gerufene Rettungspaket der Bundesregierung konnte gestern erst einmal für eine Erholung der Kurse sorgen. Dennoch betont Kanzlerin Merkel heute, dass dies kein Anlass zur Entwarnung oder für zu viel Optimismus sei:
Die Überwachung der Finanzmärkte müsse, so Frau Merkel weiter, international koordiniert werden. Damit einher gehe, dass Banken mit mehr Eigenkapital ausgestattet sind, sein müssen.
Eine Abschwächung der Konjunktur ist nicht aufhaltbar, die Wachstumsprognosen werden weltweit nach unten korrigiert. In neuesten Wachstumsgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute rechnet man gar mit einem Anstieg des BIP von nur 0,2 Prozent - gegenüber den zuvor erwarteten 1,4 Prozent in diesem Jahr.
Auch das Barometer des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeigt den Pessimismus von Investoren und Analysten. Die Konjunkturerwartungen fallen im Oktober von minus 41,1 auf minus 63,0 Punkte. ZEW-Präsident Wolfgang Franz erläutert die Umfragewerte:
Die Sorge der Finanzmarktexperten, dass die Krise an den Finanzmärkten auf die Realwirtschaft übergreift, hat sich verständlicherweise verstärkt. Das gerade beschlossene Rettungspaket der Bundesregierung dürfte jedoch helfen, die Situation zu stabilisieren.
Was Anleger in diesen Tagen aber wirklich quält ist, worauf Sie hoffen können und was sie zu befürchten haben. Mit diesen Fragen wird sich auch das AktienCamp befassen, dass an diesem Samstag in München stattfindet. Hier erörtern Vertreter aus Politik und Wirtschaft zusammen mit Privatinvestoren den Chancen und Risiken der Finanzkrise.
Ben Steverman, Reporter für den Business Week Investing Channel, erörtert die Zukunftsaussichten NACH der Krise und sucht nach einer Strategie für Anleger. Denn auch, wenn Kredite knapp sind und die Wirtschaft in eine Rezession verfällt, gibt es Gewinner - diejenigen, die sich richtig verhalten:
Für die Zeiten nach der Finanzkrise identifiziert Stevermann fünf mögliche Trends:
1. Survival of the fittest
Das Darwinsche Gesetz greift auch im Finanzsektor. Konkurrenten, die nicht unbedingt größer, aber sicherer sind, übernehmen zahlungsunfähige Kreditinstitute und Brokerhäuser. Erst gestern erlaubte die US-Notenbank, dass die Großbank Welles Fargo den Konkurrenten Wachovia schluckt. Und die aus Japan stammende Mitsubishi UFJ beteiligte sich mit 21 Prozent an der amerikanischen Bank Morgan Stanley. Die Liste der Bankenübernahmen und -pleiten wird immer länger…
Der Trend könnte auf andere Wirtschaftsbereiche und Industrien übergehen - vor allem, wenn die Konjunktur sich weiterhin stark verschlechtert. Beteiligungen oder Übernahmen von angschlagenen Unternehmen durch solidere Marktteilnehmer werden dann in allen Bereichen an der Tagesordnung sein.
2. Finanzierungsmöglichkeiten von Wachstumsunternehmen sinken.
Für weiteres Wachstum und um Arbeitsplätze zu schaffen, brauchen Unternehmen Kredite - wegen der Kreditknappheit steht weniger Kapital zur Verfügung. Geselleschaften können infolgedessen weder neue Aktien ausgeben noch Anleihen anbieten. Da Banken kaum noch Kredite vergeben, gibt es auch kein Geld von dort.
Wenn das so weiter geht, sieht es schlecht aus für Wachstumsunternehmen. Chefvolkswirt der Morningstar-Tochter Ibbotson Associates Michele Gambera sagte gegenüber der Business Week:
Wer wird der nächste Google, wenn für den Aufbau eines neuen Google-Campus kein Geld da ist?
3. Es lebe das Bargeld.
Nur Unternehmen, die einen guten Cashflow vorweisen, können aufgrund der knappen Kredite ihr Überleben sicher stellen. Gary Wolfer von Univest Wealth Management glaubt, dass Firmen aus dem Konsumgüter- und Gesundheitssektor mit Produkten des täglichen Gebrauchs hohe Summen an liquiden Mitteln erwirtschaften müssen. So vermeldet Johnson & Johnson heute eine Gewinnsteigerung im 3. Quartal.
4. Die Zeiten des Konsums in Amerika sind vorbei.
Einzelhändlern stehen schwierige Zeiten bevor, gerade im Hinblick auf das Weihnachtsgeschäft. Aber auch langfristig wird das Handesldefizit zunehmen. Drei weitere Bereiche, unter denen die amerikanische Wirtschaft leidet sind die Verschuldung des Staates, hohe Kredite und - damit verbunden - die hohe Verschuldung von privaten Haushalten. Steverman schreibt:
Kaum einer glaubt, dass das Vertrauen der Amerikaner in ihre Kreditkarten und in günstige Eigenheimhypotheken noch von Dauer sein wird. Zahlreiche Berichterstatter beobachten somit auch einen fundamentalen Wandel in der amerikanischen Wirtschaft und eine Abkehr vom Glauben an die Verschuldung und den überbeanspruchten amerikanischen Verbraucher.
5. Es wird keinen Infrastruktur-Boom weltweit geben.
Im Exportgeschäft sehen viele der Volkswirte Chancen für die USA. Der Bauboom weltweit treibt die Nachfrage – insbesondere aufstrebender Länder - nach amerikanischen Produkten. Da die Konjunktur rückläufig ist, gehen Viele davon aus, dass die Nachfrage nach Investitionsgütern, Verbrauchsgütern und Energie sinken wird. Obwohl die Rezession gerade an Indien und China vielleicht unbemerkt vorüber geht, werden sie langsamer Wachsen. Chad Deakins, Portfoliomanager beim RidgeWorth International Equity Fund, erklärt:
In nächster Zeit wird jedes Land mit unterschiedlichen Problemen konfrontiert sein, die es daran hindern, Pläne zum Aufbau ihrer Infrastruktur zu machen. (…) Bereits in fünf Jahren werden Deakins Erwartungen zufolge aufstrebende Länder jedoch wieder zu bauen beginnen. „Auf der ganzen Welt gibt es viele Menschen, die einen höheren Lebensstandard wollen und bereit sind, dafür zu arbeiten. - Das nennt man Kapitalismus.