Geraint Anderson kennt das Leben der Londoner Bankiers in Sauß und Braus nur allzu gut. “Geld ist wie eine Droge”, das bestätigt der ehemalige “Cityboy”, der auf eine zwölfjährige Karriere als Star-Analyst in der englischen Hauptstadt zurückblickt.
Unter dem Pseudonym “Cityboy” schrieb er in der Zeitung “Thelondonpaper” über das exzessive Banker-Leben voll von Drogen und Prostitutierten. Schließlich hielt Anderson es nicht mehr aus. 2007 kündigte er und schrieb das Buch “Cityboy. Geld, Sex und Drogen im Herzen des Londoner Finanzdistrikts“. Hier verarbeitet sehr seine Erlebnisse in der Welt des Überflusses und Überdrusses.
Es scheint, als gehörten Drogen zu seiner Zeit bei den Bankern - neben den Sexorgien - zum Londoner Alltag. Mit Deutschland könne man diese Feierkultur nicht vergleichen, so Anderson. Frankfurter Analysten seinen viel ernsthafter, professioneller, kultivierter. Der Star-Autor glaubt trotzdem, dass es sie gibt: ehrliche Banker. Allerdings werden sie (vielleicht zurecht?) mit den verlogenen Kollegen in einen Topf geworfen.
Das Problem ist, dass die Ehrlichen mit Moral und Ethik keinen Erfolg in der City haben. Ganz im Gegensatz zu den korrupten. Wenn du dagegen richtig kriminell bist, kannst du es weit bringen in der City.
Anderson ist überzeugt, dass die Gier und die Arroganz der Bankmitarbeiter Hauptauslöser für die Finanzkrise sind. Schuld sei die Deregulierung, die Margaret Thatcher und dann die Tony Blair-Regierung verantworten. Da hatten korrupte und kriminelle Bankiers ein leichtes Spiel. In der Tat: wer verzichtet selbst in der tiefsten Krise freiwillig auf seine sechstelligen Boni? Keiner, der mit Geld handelt, wäre vermutlich freiwillig SO selbstlos. Aber es gibt auch andere Schuldige, wenngleich sie eine Nebenrolle spielen:
Auch die Ratingagenturen mit ihrem Triple-A-Rating auf hochtoxische Papiere haben sicherlich ihren Anteil, ebenso wie Bankenbosse, die die Gewinnmaximierung als oberstes Gebot ausriefen, oder institutionelle Investoren, die zu passiv waren. Man kann viele Mitschuldige aufzählen, aber letztlich kommt man immer wieder auf die Banker zurück, die zu hohe Risiken nur aus egoistischer Gewinnsucht eingegangen waren.
Die Einstellung des Profis zur zukünftigen Entwicklung der Finanzmärkte beruhigt ein wenig. So sagt er selbst, dass nun nach den Panikmeldungen noch vor wenigen Monaten mehr Ruhe eingekehrt sein. Trotzdem traut er der schnellen “Wende” nicht ganz:
Denn sicher werden wir bis Jahresende noch Rückschläge erleben. Schließlich stecken wir immer noch in einer Rezession. Eines lässt jedoch hoffen: Die Regierungen haben gut zusammengearbeitet. Deshalb glaube ich nicht, dass die Rezession so schwerwiegend wird wie die Weltwirtschaftskrise in den 30ern.
Spannend wird es bei seinen Tipps zur Anlagestrategie. Er selbst hat in den britischen Versorger National Grid investiert, die Handelsaktie Next sowie in den Telekomwert BT. Die gute Entwicklung seiner Anlagen haben ihn stutzig gemacht - daher habe er erst einmal seine Quote reduziert frei nach dem englischen Sprichwort: „Sell in May and go away“. Sein Rat: optimistisch bleiben und weiterhin Aktien kaufen, aber mit Vorsicht:
Auf Sicht von drei Jahren sind Aktien grundsätzlich ein gutes Investment. Wir werden zwar zwischenzeitlich einige Rückschläge erleben. Doch tendenziell wird es wieder aufwärtsgehen, und in drei Jahren werden wir eine Erholung sehen. Doch rufen Sie mich bitte 2012 nicht an und nennen mich ein Arschloch, wenn es nicht so sein sollte.
Außerdem gute Anlagemöglichkeiten sind Hedge-Fonds, Immobilien, Cash und Kunstgegenstände sowie Investitionen in Firmen ausdem Sektor der erneuerbaren Energien. In der Branche sieht Anderson besonders hohe Wachstumschancen. Der Analyst kann ein Lied davon singen, wie abhängig die Vermehrung von Geld machen kann. Obwohl er jedes Jahr aufs neue vorhatte, seinen Job an den Nagel zu hängen, konnte er ihn aufgrund der hohen Incentivierung einfach nicht aufgeben.
Es ist wie bei einem Pakt mit dem Teufel.