Die Lust auf Aktien sinkt: Deutsche sind wenig risikofreudig

18. November 2008 von Anna Friedrich

Carl Fürstenberg hielt offenbar nicht viel von Kleinaktionären. Seine berühmt gewordenen Bonmots sind:

Aktionäre sind dumm und frech. Dumm, weil sie ihr Geld anderen Leuten ohne ausreichende Kontrolle anvertrauen und frech, weil sie Dividenden fordern, also für ihre Dummheit auch noch belohnt werden wollen.

Damit hat der deutsche Bankier wohl nicht ganz recht. Angesichts der immer noch turbulenten Börsenzeiten und einer Tendenz zu fallenden Kursen, sind gerade “kleine” Investoren vorsichtig und weniger aktiv. So fand eine Studie von cominvest heraus, dass 40 Prozent der Bundesbürger und damit 15 Prozent mehr als in der letzten Umfrage, aktuell nicht in Direktanlagen investieren wollen - ihnen ist die Lust offensichtlich vergangen. Immerhin will ein Fünftel der befragten Anleger wieder einsteigen, wenn die Finanzmärkte sich beruhigt haben.

In Krisenzeiten eher vorsichtig mit Geldanlagen umzugehen, ist doch nicht “dumm”? Oder sollten wir gerade jetzt, wo die Werte so günstig sind wie nie, über langfristige Geldanlagen nachdenken? Viele Investoren spekulieren bereits auf einen Aufwärtstrend und damit auf ein Ende der Krise. Anlegerschützer glauben jedenfalls, dass nur Mutige jetzt einsteigen.

Dem 78-jährigen Börsenguru Warren Buffett mag es bei einem Vermögen von über 60 Milliarden US-Dollar leicht fallen, nach seiner Regel zu kaufen:

Sei ängstlich, wenn alle anderen gierig sind, und gierig, wenn alle anderen ängstlich sind.

Auch jetzt bleibt er seinem Credo treu und hat in großem Stil investiert. Der US-Milliardär und Anlegerlegende muss es doch wissen, oder?

Nils Dietrich von der Rheinischen Post nennt “eineinhalb Gründe für einen Einstieg“.

1. Die Abgeltungssteuer: Auf Erträge, die ab dem dem ersten Januar 2009 über Direktanlagen erwirtschaftet werden, fallen pauschal 25 Prozent Steuern an. Steuerfrei sind die Gewinne aus Aktiengesellschaften nur dann, wenn die Aktien über ein Jahr gehalten werden.

1.5. So sicher wie die Einführung der Abgeltungssteuer in sechs Wochen ist auch die momentane Unterbewertung von Kapitalgesellschaften an der Börse. Das heißt, dass das Gros der Aktien momentan zu Dumpingpreisen zu haben ist. Die Rezession zeichnet sich auch in Deutschland ab: insgesamt ging die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal um 0,5 Prozent zurück. Trotzdem sind die Arbeitslosenzahlen aus dem Sommer 2008 so gering wie nie.

Der Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Marco Cabras, sieht jedoch keinen Grund, jetzt das Portfolio aufzustocken:

Theoretisch ja, praktisch aber nicht. (…) Wir sind an den Börsen noch nicht zum Tagesgeschäft zurückgekehrt.

Ein Beispiel dafür, wie unberechenbar der Markt aktuell ist, sei die Kursentwicklung des Dax-Konzerns Metro: ohne Erklärung stürzte der letzten Donnerstag um 11 Prozent ins Minus. Cabras warnt deshalb gerade Anleger mit wenig Erfahrung, den Einstieg zu wagen. Nur “Mutige mit einem langen Anlagehorizont” sollten dieses Risiko eingehen.

Was Cabras da sagt, entspricht doch aber dem Stereotyp des vorsichtigen und konservativen Deutschen - auch und gerade bei Geldanlagen. Dies bestätigt auch eine Befragung des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW). Ein Viertel der Haushalte investiert in Sparbücher. Über die Hälfte, rund 55 Prozent steckt Geld in Lebensversicherungen- 40 Prozent legen ihr Geld in Bausparverträgen and und gerade mal 30 entscheiden sich für Aktien. Dabei ist die beliebteste Anlageform der Sparbücher mit meist nicht einmal einem Prozent Zinsen nicht profitabel. DIW-Expertin Nataliya Barasinska erklärt:

(Die Anleger) verschenken Geld, weil sie überhaupt keine Risiken eingehen möchten.

Vielmehr kommen die Wirtschaftsforscher des Berliner DIW zu dem Schluss, dass deutsche Privatanleger ihr Anlagerisiko breiter streuen sollten. Meist liegt es daran, dass die Portfolios zu wenig breit gestreut sind und damit Klumpenrisiken mit sich bringen. Diversifizieren kann aber auch nur, wer sich auskennt. Paradox ist, dass gerade die Privatinvestoren mit der geringsten Risikobereitschaft meist kein entsprechend breit gefächertes Portfolio haben. Diejenigen, die sich hingegen als risikobereit sehen, diversifizieren ihre Direktanlagen stark.

Vielleicht könnte man es auf einen Nenner bringen: No risk, no fun? Wenn das mal bei Geldfragen so einfach wäre.

2 Reaktionen zu “Die Lust auf Aktien sinkt: Deutsche sind wenig risikofreudig”

  1. lutzschweiz

    Die deutschen Privatanleger sind nicht BEWUSST risikofreudig.
    Da leider häufig kein Basiswissen zur Börse / Geldanlagen vorhanden ist legt der Unbedarfte da an wo am Lautesten getrommelt wird.
    Risiken werden nicht erwähnt oder (Nicht zu unterschätzen) verzerrt wahrgenommen (meist aus Informationsmangel und daraus resultierenden Falscheinschätzungen.
    Was die Abgeltungssteuer anbetrifft gilt dasselbe was für alle Steuern gilt:
    Leider ist in Deutschland die Mentalität Steuern zu sparen derart ausgeprägt, dass vieles (Manchmal alles) andere in den Hintergrund tritt.
    Wichtig ist doch was netto rauskommt, oder?
    Was momentan angeboten wird um die Abgeltungssteuer zu sparen ist vielfach überteuert (Agio UND versteckte Kosten), dazu renditeschwach.
    Aber eben: Wenn man Steuern sparen kann ist die rendite nicht so wichtig…

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